Menschen ohne Perspektiven – auf den Weg in eine bessere Zukunft

Menschen ohne Perspektiven – auf den Weg in eine bessere Zukunft

Prof. Dr. – Ing. Marcel Oberweis

„Wir schaffen das!“ so die Losung im Jahr 2015 angesichts der Flüchtlingsströme aus dem Süden und Südosten der Europäischen Union hin nach Deutschland und weiter nach Skandinavien und Großbritannien. Die Euphorie war groß und Hunderttausende Menschen haben den Ankommenden die Hand gereicht. Luxemburg hat sich auch beteiligt und die Notleidenden aufgenommen.

Leider hat diese Willkommenssympathie einen Dämpfer erlitten, denn nunmehr lautet die Losung: „Das schaffen wir nicht!“ Die Völkerwanderung droht die Europäische Union an den Rand des Abgrunds zu steuern. Obwohl die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge geringer wird, befinden sich immer noch Hunderttausende Menschen in erbärmlichen Lagern am Nordufer des Mittelmeeres in Libyen und Ägypten sowie auf verschlungenen Pfaden im Nahen Osten und Kleinasien. Sie folgen einem einzigen Drang: „Weg von der Misere im Heimatland – hin zu den gefüllten Tellern der Wohlhabenden.“

Die junge Generation in Afrika, etwa 85 Prozent der aktuellen 1.200 Millionen Menschen sind jünger als 25 Jahren und haben keine Perspektiven für ein besseres Leben. Da sie keine menschenwürdige Arbeit in ihren Heimatländern finden und falls, dann nur unter erbärmlichen und ungesunden Bedingungen, schließen sich den Flüchtlingstrecks nach Norden an. Lässt es uns kalt zu wissen, dass die Jugendlichen mit ihren Händen die Erde nach den Seltenen Erden unter Lebensgefahr für einen Hungerlohn umgraben, welche in unseren modernen Kommunikationsgeräten eingebaut werden. Viele  erleiden schwerste körperliche Leiden in den unsicheren Minen und sterben einen frühen Tod. Angesichts der ungewissen Zukunft und der Unmöglichkeit, ihr Leben aufzubauen, folgen diese Jugendlichen nur einem Drang: „Weg aus Afrika hin nach Europa“.

Auf den Gewaltmärschen durch die Wüste sterben unzählige Jugendliche und diejenigen, die an das Südufer des Mittelmeeres gelangen, landen in den Fängen von skrupellosen Schleuserbanden. Für diese sind die Flüchtlinge eine Ware in einem menschenverachtenden Geschäft.

Die Europäische Union in Valletta (Malta)

Beim informellen EU-Ratsgipfel in Valletta am 3. Februar 2017 standen neue Maßnahmen zur Eindämmung der Flüchtlingsströme über die westliche Mittelmeerroute im Fokus der Gespräche. Es sind vor allem junge Menschen aus Mali, Nigeria, Äthiopien, Senegal und Niger, welche aufgrund der Perspektivlosigkeit in den Heimatländern gezwungen sind, sich auf die  gefährliche Reise nach Europa zu machen. Sie sind keine Kriegsflüchtlinge sondern Wirtschaftsflüchtlinge.

Im Jahr 2016 haben 181.000 Menschen die Überfahrt nach Italien angetreten und möchten weiter nach Norden, dies wird ihnen verwehrt. Leider haben etwa 5.000 von ihnen ihr Leben bei der Überfahrt verloren. Angesichts der Explosion der Bevölkerung in Afrika von heute 1,4 Milliarden auf 2,4 Milliarden im Jahr 2050 erkennt man die riesige Problematik, die auf die Europäische Union zukommt.

Der nun beschlossene Maßnahmenkatalog der Europäischen Union beinhaltet die Umkehr der von den Schleuserbanden auf das Mittelmeer geschobenen überfüllten maroden Schiffe zurück zum unsicheren Libyen. Die Flüchtlinge sollen in „angepasste Aufnahmeeinrichtungen“ zurückgebracht werden, wohlwissend, dass die Menschenrechtsverletzungen weitergehen. Die humanitäre Lage in den Auffanglagern in Libyen ist erschreckend, herrschen doch nur Chaos, Willkür, Prostitution, Drogenkriminalität und Gewalt für die 1,3 Millionen Menschen.

Die Nichtregierungsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ gibt zu bedenken, dass unmenschliche Bedingungen u.a. die Krätze und andere schwere Krankheiten das Leben der Gestrandeten schwer belasten, sie warnen sogar vor dem Ausbruch der Pest am Südufer des Mittelmeeres. Wieso wollen diejenigen, die diese Maßnahmen ergreifen, diese Missstände nicht sehen? Wenn die herrschenden Missstände abgestellt werden sollen, dann müssen das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und die Internationale Organisation für Migration mit der Leitung dieser unzähligen Camps beauftragt werden.

Die Europäische Union hat in Valletta den Beschluss gefasst, den Wiederaufbau der libyschen Küstenwache zu beschleunigen, um so die Schleuserbanden auszutrocknen. Angesichts der desolaten Führung in Libyen, wenn denn eine vorhanden ist, muss die Frage gestellt werden, ob die hohen finanziellen Zuwendungen eine Verbesserung der Lage erbringen. In meinen Augen nicht – vielmehr müssen neue Wege der Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika ausgelotet werden, damit sich die Jugendlichen zum Aufbau der Gesellschaft in ihren Heimatländern einbringen können.

Der Klimawandel – eine weitere Ursache

Der Klimawandel ist wohl ein globales Phänomen und dessen Folgen sind in allen Regionen der Erde spürbar, jedoch sind die Entwicklungsländer viel stärker betroffen.  Die Unwetterkatastrophen, die Dürren, die Überflutungen und der Anstieg des Meeresspiegels beinträchtigen die Lebensbedingungen der Menschen in den ländlichen Regionen.

Die Klimaveränderungen, vor allem entlang der Küsten zwingen die Menschen zur Migration.  Sie wandern in die ländlichen Regionen im Hinterland, wo ebenfalls Elend und Hungersnot durch die prekäre Wasserversorgung herrschen und die ethnischen Spannungen sind vorprogrammiert.

Auch am Südrand der Sahara ist der Migrationsdruck groß, da die wachsende Ausbreitung der Wüste immer mehr Menschen zwingt, ihre bisherigen Siedlungsgebiete in der Sahel-Zone aufzugeben. Den Jugendlichen wird die Möglichkeit genommen, ihr Leben in den ländlichen Gegenden aufzubauen.

Welcher Weg zeigt in die erfolgreiche Zukunft?

Wenn eine den Namen tragende Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika wirksam sein soll, dann muss die Europäische Union umgehend Schluss mit der fatalen Appeasement-Politik gegenüber den Potentaten in Afrika machen. Die europäischen Länder, vor allem die früheren Kolonialländer, haben durch ihre engen Beziehungen zu den Herrschenden in Afrika einen Teil des Elends zu verantworten. Außerdem führen die von den reichen Ländern errichteten Handelsbarrieren Exporteinnahmeverlusten in Höhe von jährlich 30 Milliarden Euro.

Es sei ein Blick auf die bisherige Entwicklungshilfe zugunsten der Staaten in Afrika erlaubt. Die Weltbank hat errechnet, dass insgesamt 835 Milliarden $ für die Entwicklungszusammenarbeit  zwischen den Jahren 1960 und 2014 überwiesen wurden. Leider stellen wir heute fest, dass diese hohen finanziellen Zuwendungen nur wenig in Afrika bewirkt haben.

Hinsichtlich der nicht endenden Armut in den Ländern Afrikas muss die Frage nach den Ursachen gestellt werden – eine davon ist die galoppierende demographische Entwicklung. Solange die Geburtenrate in mehr als 50 Ländern der Subsahara 5 bis 7 Geburten pro Frau beträgt und ein Bevölkerungswachstum von 2,5 bis 3,5 Prozent pro Jahr vorliegt, kann kein Erfolg verbucht werden.

Das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt kann weder erhöht noch das Elend verringert werden – ohne effiziente Geburtenplanung werden noch Jahrzehnte benötigt, bis Afrika als „global player“ mitwirken kann. Als Folge ergibt sich, dass Europa die Hauptlast der Migration auf Jahre tragen muss und  dies zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch führen kann. 1)

Die Lösung liegt in einer neuen Form der Entwicklungszusammenarbeit, welche die Weltgemeinschaft den Ländern in Afrika anbieten muss. Als wichtigste Betätigungsfelder sehe ich die Bildung und die Ausbildung, die Verbesserung der Landwirtschaft sowie der Wasserversorgung, den Aufbau der Infrastrukturen, die Versorgung mit elektrischer  Energie und die Ausbreitung der Wüsten. Des Weiteren muss die Korruption ausgemerzt werden und die Regierungen müssen ihre Verantwortung für die Verbesserung der eigenen notleidenden Bevölkerung übernehmen.

Schlussgedanken

Das Hauptaugenmerk der Entwicklungszusammenarbeit stellt die Beseitigung der Armut – im Übrigen ein nachhaltiges Ziel der Agenda 2030 der Vereinten Nationen liegen. Zu diesem Zweck werden die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten einen umfassenden Ansatz zur Bewältigung von Konflikten und Krisen unterstützen, dessen Schwerpunkt auf Fragilität und menschlicher Sicherheit und der Berücksichtigung der engen Verknüpfung von nachhaltiger Entwicklung, Frieden und Sicherheit liegt. Dazu gehört die Steigerung von Wirksamkeit und Wirkung durch stärkere Koordinierung und Kohärenz. Um ihre Ziele wirksam in die Tat umzusetzen, insbesondere die Beseitigung von Armut, muss die Entwicklungspolitik der Euroèpäischen Union flexibel bleiben und in der Lage sein, auf dringenden Bedarf, sich abzeichnende Krisen und neue politische Prioritäten zu reagieren. 2)

Von Aristoteles stammt der Aphorismus: „Wir können den Wind nicht ändern. Aber wir können die Segel anders setzen.“ Dies sollte die Europäische Union und uns alle anspornen, die Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika mit mehr Mut auf ein höheres und voe allem menschenachtende Niveau zu stellen.

Literaturhinweise:

  • In der Demographie-Falle D. Stutz  NZZ 10. Februar 2017
  • Europäische Kommission COM(2016) 740 final