Die Pionierzeit ist vorbei

François Biltgen erläutert warum jetzt der richtige Moment gekommen ist, um sich Gedanken zu machen über eine umfassende Anpassung der Forschungsinfrastrukturen an die heutigen Herausforderungen

Luxemburg strebt im Rahmen der europäischen Lissabon-Strategie den Aufbau einer leistungsfähigen und im internationalen Vergleich wettbewerbsfähigen Forschungslandschaft an. Warum jetzt der richtige Moment gekommen ist, um sich Gedanken zu machen über eine umfassende Anpassung der öffentlichen Forschungsinfrastrukturen an die heutigen sozio-ökonomischen Herausforderungen, erklärt Minister François Biltgen in einem Gespräch mit dem “Wort”.

Die Ergebnisse drei verschiedener Analysen über bestimmte Aspekte der öffentlichen Forschung in Luxemburg sollen in Kürze vorliegen. Dabei handelt es sich erstens um die so genannte “FNR Foresight”- Konsultation, die vom “Fonds national de la recherche” (FNR) initiiert wurde und unter Einbeziehung der hiesigen Forschungsgemeinde und externer Experten inhaltliche Ansätze zur künftigen wissenschaftlichen Schwerpunktsetzung liefern soll.

Bei der zweiten Studie handelt es sich um eine externe Analyse, die im Auftrag des Forschungsministeriums von OECD-Experten durchgeführt wurde und sich vor allem mit Fragen der “Governance” der öffentlichen Forschung beschäftigt – hier steht also die Frage nach Entscheidungsstrukturen und Organisation im Vordergrund. Die Schlussfolgerungen sollen Ende Mai vorgestellt werden. Eine dritte Studie schließlich, die ebenfalls im Auftrag des Forschungsfonds zusammen mit dem Consulting-Unternehmen KPMG durchgeführt wird, konzentriert sich vor allem auf die Finanzierung der öffentlichen Forschungszentren.

Für Forschungsminister Biltgen gibt es zwei wesentliche Gründe, die zu diesem Zeitpunkt eine Umstrukturierung der Forschungslandschaft notwendig machen: “Wir sind heute an einem Knackpunkt angekommen, was die Entwicklung der öffentlichen Forschung in Luxemburg anbelangt”.

Zum einen blicke man heute auf eine Forschungslandschaft, die quasi von der Basis auf gewachsen sei. “Dies ist an sich nicht schlecht, da eine zu strikte Steuerung von oben herab meiner Meinung nach inkompatibel mit einem wesentlichen Aspekt der Forschung ist – nämlich der wissenschaftlichen Freiheit,” so Biltgen.

Mit der Schaffung der Forschungscluster im Rahmen von Luxinnovation seit 1984, des Forschungsrahmengesetzes im Jahre 1987 und der anschließenden Gründung der öffentlichen “Centres de recherche public” (CRPs), der Gründung des FNR 1999, sowie des Ministeriums für öffentliche Forschung im selben Jahr und der Gründung der Uni Luxemburg im Jahr 2003 seien eine große Anzahl von Institutionen entstanden. Dies sei ein quasi “organisches” Wachstum gewesen, so dass gewisse Überschneidungen in Sachen Kompetenzen und Forschungsausrichtung unvermeidbar gewesen seien.

Es gehe also erst einmal darum, wie wir die luxemburgischen Forschungsanstrengungen im Interesse einer Effizienzsteigerung bündeln können, so Biltgen.

Forschungshaushalt wächst weiter stark an

Der zweite Grund sei, dass die Regierungsstrategie im Hinblick auf die Lissabon-Ziele zum Aufbau einer “Wissensgesellschaft” nach wie vor einen konsequenten Ausbau der öffentlichen Forschung vorsehe. Dies habe auch Premierminister Jean-Claude Juncker am Dienstag in seiner Rede zur Lage der Nation erneut betont, indem er bis 2009 ein Anwachsen des öffentlichen Forschungshaushaltes auf 0,66 Prozent des Bruttoinlandproduktes angekündigt habe.

“Wir reden praktisch von einer Verdoppelung des Forschungshaushaltes während der kommenden vier Jahre”, so Biltgen. Allein das Forschungsbudget des Ministeriums für öffentliche Forschung werde im aktuellen Rahmen von derzeit 80 auf 180 Millionen Euro im Jahr 2006 ansteigen. Dazu kommen Forschungsausgaben im Rahmen der Projekte, die unter die Zuständigkeit anderer Ministerien wie denen für Wirtschaft, Gesundheit oder Erziehung fallen.

Man schraube also die Ausgaben zur Finanzierung einer Zukunftspolitik in die Höhe, während gleichzeitig in einer tief greifenden Umstrukturierung des globalen Staatshaushaltes an anderen Stellen Einsparungen gemacht werden müssten. “Deshalb liegt es auf der Hand, dass die Leute, die die Verantwortung für die öffentliche Forschung tragen, und damit meine ich an erster Stelle auch mich selbst und die anderen Minister, so effizient wie nur möglich mit diesem Geld umgehen sollten,” so Biltgen. Dadurch stehe man vor der Notwendigkeit, Redundanzen innerhalb der Forschungslandschaft abzubauen und produktiver zu arbeiten, ohne aber dabei die wissenschaftliche Freiheit durch übertriebene Regulierung zu ersticken. Während die Forscher mehr Mittel bekämen, steige auch ihre Verpflichtung, hochwertige Ergebnisse zu liefern.

Langfristig müsse Luxemburg seiner Meinung nach tendenziell darauf hinarbeiten, ein Prozent seines Haushaltes in öffentliche Forschung zu investieren. “Wir haben in Luxemburg genau das umgekehrte Problem wie in den restlichen EU-Staaten. Während in vielen Ländern der EU-25 der größte Teil der Forschung öffentlich ist, haben wir in Luxemburg mehr Investitionen in der privaten als in der öffentlichen Forschung – im privaten Bereich liegen wir etwa bei 1,6 Prozent des BIP, während wir im öffentlichen Bereich noch nicht auf einem Prozent sind.” Die strukturelle Gefahr, die diese Tatsache mit sich bringe, komme daher, dass ein Großteil der privaten Forschung kurzfristiger Natur sei. Öffentliche Forschung dagegen begünstige eine nachhaltigen wirtschaftliche Entwicklung, die wiederum positive Auswirkungen auf alle Bereiche des Arbeitsmarkts habe, so François Biltgen. Hier müsste auch das Konzept öffentlich-privater Partnerschaften zum Einsatz kommen. Beispiele seien die Abmachungen mit dem Unternehmen TDK, das sich nach der Einstellung seiner Produktionstätigkeiten in Luxemburg bereit erklärt habe, zusammen mit der Uni Luxemburg Forschung zu betreiben. In der gleichen Logik müsse man die relativ starke Beteiligung Luxemburgs an den Forschungsprogrammen der europäischen Raumfahrtagentur ESA sehen. Einerseits sei durch die “Just return”-Politik der Rückfluss eines Großteils der Investitionen in die ESA-Forschungsprogramme gesichert. Wichtiger sei aber, dass auf diese Weise ein Know-how geschaffen werde, das langfristig der luxemburgischen Industrie zugute komme. Erfahrungen mit Unternehmen wie SES Astra hätten dieses Modell bestätigt, so Biltgen.

Wort_7_4_06.jpgNeue Ansätze in der “Cité des sciences”

Was die strategischen Entscheidungsstrukturen der öffentlichen Forschung angehe, so Biltgen, müsse man die Schlussfolgerungen der “Foresight”- und OECD-Studien abwarten. Wichtig sei auch die Ausarbeitung des Entwicklungsabkommens zwischen Forschungsministerium und Uni Luxemburg, das sich in groben Zügen an dem Vier-Jahres-Plan der Uni orientieren könne. Es sei jedoch jetzt schon offensichtlich, dass in Zukunft ein “Top down”-Ansatz wünschenswert sei, der die Prioritätsachsen der Forschung von oben herab regele, ohne jedoch die Forscher in eine programmatische Zwangsjacke zu stecken. Ein zentrales Element in der Koordination der verschiedenen Forschungsinstitutionen soll auch die “Cité des sciences” auf dem zukünftigen Uni-Campus in Esch-Belval spielen. “All diese Elemente werden wir dann voraussichtlich noch vor der Sommerpause im Parlament zur Debatte stellen,” so Biltgen.

Quelle: Wort, 5. Mai 2006, Journalist Michel Thiel